OXYMORA

Cornelia Wissel gewährt uns sehr intime Einblicke in Lebenswelten, ohne dass wir dabe in die Rolle von Voyeuren geraten. Die Szenerien sind fremd und nah zugleich, vertraut und doch irritierend. In ihnen scheint ein innerer Widerspruch zu liegen, ein Oxymoron. Und so geheimnisvoll wie der Begriff Oxymoron tönt, so geheimnisvoll scheinen auch die Bildwelten zu sein, mit einem fast schon unheimlichen Bildsog. Denn in Wissels Bildwelten scheinen sämtliche Dinge belebt, animistisch aufgeladen zu sein. Es ist, als ob Cornelia Wissel einen Kontrapunkt dazu setzen möchte, dass wir einer Welt leben, in der wir mehr und mehr das Empfinden haben, dass die Dinge am Entschwinden sind. Da sind Papierstapel, Hausfassaden, Bücherwände, Interieurs, eine Spiegelserie, einige Exterieurs mit vermeintlich zusammengewürfelten Habseligkeiten, Graffiti. Sämtlichen Szenerien ist eine eigentümliche Atmosphäre zu eigen, – sie sind still und doch belebt. Und in allen Werken fehlt der Mensch. Und gerät gerade damit zum Hauptthema, – eben durch seine Abwesenheit. Denn all das, was wir sehen, ist je dem Menschen und seiner engeren Umgebung zuzuordnen.
So erschließt sich, worum es bei den so vermeintlich unterschiedlichen Werkgruppen Wissels geht: Es geht um die Frage, inwiefern der Mensch in der Welt beheimatet ist, – die existentialistische Frage, die Philosophen wie Adorno und Heidegger beschäftigte. Eine Frage, mit der sich auch Cornelia Wissel seit Jahrzehnten auseinandersetzt, – als Psychologin eines Landeskrankenhauses, an dem sie neben ihrer künstlerischen Tätigkeit bis vor kurzem praktizierend tätig war wie auch als Künstlerin.
Das erklärt vielleicht auch ihr besonderes Vermögen, sich dem Innen zuzuwenden, intimzu sein ohne dabei voyeuristisch zu werden, zurückhaltend zu sein und doch klar. Vielleicht erklärt das auch Wissels Vorliebe für das Interieur, dem unmittelbaren Umraum, der sich als Spiegel unseres Selbst zeigt. Diese besondere Sicht in das Innenleben, das sich auch im Außen zeigt, dieses Außen fängt sie ein. Und das scheint irgendwie unergründlich zu sein. Selbst Papierstapel weisen innere Dimensionen auf, die über das Material Papier hinausweisen.

 

Cornelia Wissels Blickwinkel und ihre eigene Beziehung zur Welt zeigen sich malerisch. Wie Wissel Räumlichkeiten mittels zeichnender Malerei und Farbeinsatz auflöst, gleicht dem Vernetzen einer Vielzahl von Einzelphänomenen in einen großen Zusammenhang. Hiermit kommt auch eine abstrakte Ebene ins Spiel, da sich die Formen wie Muster auf Grund lesen lassen und ihren Dingzusammenhang verlieren. 
Insofern beantwortet Cornelia Wissel mit ihrer Malerei die Frage, inwiefern der Mensch in der Welt beheimatet ist. Für Cornelia Wissel ist Welt und Leben offensichtlich die Durchdringung und Überlagerung, ein gleichzeitiges Nebeneinander der Dinge und diese Gleichzeitigkeit ist von inneren Widersprüchen geprägt, von Oxymora. Diese Oxymora zoomt sie heran. Das ist wörtlich zu nehmen. Denn Panoramaansichten findet man eher selten bei ihr, vielmehr Nahsichten, Ausschnitte, Anschnitte, wodurch die Szenerien eine intime Präsenz erhalten.
Die zum Teil grellbunten Farbakkorde tendieren mitunter zu tachistischen, informellen Abstraktionen mit eigenen Dynamiken. Oszillieren zwischen Form und Abstraktion. Zwischen Expressivität und sinnlichen Eindrücken. Dabei stehen uns die Dinge nicht passiv gegenüber, sondern agieren ihrerseits und werden von Wissel dramaturgisch inszeniert.

 

Ein besonderer Reiz der Malereien liegt darin, dass sie mitunter durch ihre immanenten Gegensätze verstörend, verunsichernd wirken. Doch gerade damit nimmt Cornelia Wissel eines der großen Themen der menschlichen Existenz in ihre Bilder mit hinein: Die Unsicherheit, die Angst. Und damit den Drang sich selbst zu vergewissern und zu beheimaten. Davon sprechen auch die Bücherwände und Papierstapel, die durchaus als persönliche Biografien gelesen werden können; davon spricht die Serie der Nicht-Sesshaften, die sich ihr Zuhause auf der Straße zusammenbauen nach dem Motto: make yourself at home; davon spricht die Serie Peggy‘s Wohnung, die derart lebendig ist, dass man meint, selbst in der Wohnung zu stehen. Cornelia Wissel zieht uns regelrecht mit hinein in diese Welten. Selbst in Hausfassaden meinen wir einzutauchen zu können. Immer weisen die Dinge eine innere lebendige Dimension auf.
Das kulminiert in der Spiegelzimmer-Serie. Steht der Spiegel doch als Metapher für die Selbstschau, die Innenschau. Im Zusammenhang mit dieser Serie findet sich auch das Objekt Gebetsteppich, der mosaikartig aus Glasscherben zusammengesetzt ist. In diesem Teppich erschließen sich, wie in anderen Werken Wissels, überlagernde Bedeutungsschichten: „Sowohl an Religion als auch an Selbstreflexion kann man sich leicht verletzen.“ (Wissel)
Auch andere Versatzstücke in den Malereien zeigen sich doppeldeutig, so der Teppich vor der Bücherwand, der an das obligatorische Sofa erinnert, das in der Psychoanalyse à la Freud eingesetzt wird. Oder der Totenkopf vor dem Bücherregal, ein memento mori, auf dass der Ruhm an den Metern im Bücherregal gemessen wird. Dieses Spiegelzimmer existiert im Übrigen tatsächlich, und es ist schon eine ganz besondere Erfahrung darin zu sitzen und zu erleben, wie sich die Räumlichkeiten auflösen und immer wieder neu zusammenfügen, regelrecht surreal.

 

Überhaupt weist Cornelia Wissels Kunst gewisse Stilmerkmale auf, die insbesondere für die Kunst des Surrealismus und der Art Brut charakteristisch sind: die mitunter merkwürdige Farbwahl, die Verundeutlichung von Räumen und die Verzerrung von Perspektiven. Interessant ist nun zu wissen, dass die Surrealisten sich insbesondere bei der Kunst der Geisteskranken bedient haben, die sich von dem bahnbrechenden Werk Hans Prinzhorns „Die Kunst der Geisteskranken“ inspirieren ließen. Die durch die Künstler aufgenommenen Impulse ließen sich nun nicht mehr aus der Kunst verdrängen, aus ihnen entwickelte sich die Écriture automatique eines André Breton wie auch die Art Brut, für die Jean Dubuffet mit seiner eigenen Kunstsammlung wie auch der eigenen Kunst steht. Die Art Brut, die roh, rudimentär und unverfälscht „ganz persönlichen, zutiefst empfundenen Ausdrucksbedürfnissen nachkommt und sich im entsprechenden Ausdrucksvermögen spiegelt, keinem Stil verpflichtet“. (frei zitiert nach Dr. Luc Turmes, aus: Kunst(-therapie) in der Psychiatrie: ein (historischer) Überblick), in: An der Grenze. Kunst aus Krisen, (Hrsg) Dr. Luc Turmes, Brilon 2006, S. 14
In dieser Tradition steht auch die Kunst von Cornelia Wissel, einerseits stilistisch, vielmehr jedoch inhaltlich. Denn in Cornelia Wissels Kunst geht vor allem um das persönliche Ausdrucksbedürfnis des Menschen, das sich insbesondere auch in dem spiegelt, wie er seine Umgebung gestaltet.

 

Stefanie Lucci